Meine Freundin Helga, flotte Frührentnerin, lebt jetzt im Süden der Türkei. Dort kann sie mit ihrer kleinen Rente auskommen und ist im milden Mittelmeerklima fast ohne körperliche Beschwerden. Natürlich hat sie einen türkischen Freund, die beiden wohnen zusammen und verstehen sich prima - ihr Türkisch ist genauso schwach wie sein Deutsch.

Bisher hat Helga allen Heiratsanträgen Mustafas eisern widerstanden. Ehe ist nicht einfach, das weiß sie aus Erfahrung. Und eine deutsch-türkische Ehe ... Negative Beispiele gibt's genug. Und dann der Altersunterschied! Doch Mustafa lässt nicht locker. Er ist zwar eine halbe Generation jünger, dafür hat Helga vielmehr Power und praktischen Verstand als er, sie ist eine Superhausfrau, hat ein sicheres Einkommen und sorgt für ihn, wenn er ohne Arbeit ist. Die ideale Ehefrau - das meint auch Mustafas Familie, die die hilfsbereite Deutsche längst ins Herz geschlossen hat. An eine Ehe mit einer Türkin will Mustafa gar nicht denken - er hat kein Geld für einen eigenen Hausstand. Außerdem mag er Europäerinnen ...

Endlich gibt Helga nach, weiß plötzlich gute Gründe für eine Ehe. Es geht doch schon lange gut mit Mustafa! Die türkischen Nachbarn werden sie als verheiratete Frau noch mehr respektieren, sie kann Mustafa in ihrer Krankenkasse mitversichern lassen und wenn sie nicht mehr ist ... Warum soll Mustafa nicht eines Tages ihren Rentenanspruch erben?

"Wir heiraten", sagt Helga. Mustafa freut sich und da es seine erste und Helgas letzte Hochzeit sein wird, soll gebührend gefeiert werden. Nicht alaturka, erklärt die vernünftige Braut, nur eine kleine Feier nach der Trauung. Aber ein Brautkleid muss sein, ein schickes helles Seidenkostüm, das sie selbst näht. Nähen kann sie auch ...

"Wir fahren nach Mersin wegen der Heiratspapiere, übermorgen sind wir zurück", ruft Helga mir zu, als ich sie und Mustafa im Morgengrauen auf dem Busbahnhof treffe. Die beiden tragen bequeme Hosen und leichte Shirts. Es ist heiß und eine lange Fahrt steht ihnen bevor.

"Was glaubst du, was passiert ist", sagt Helga, als ich sie drei Tage später treffe. "Spät abends sind wir in Mersin eingetroffen, hundemüde, haben bei Mustafas Familie übernachtet, am nächsten Morgen gleich zur Behörde, wir wollten ja sofort zurück. Wir unterschreiben die Papiere, tamam - alles in Ordnung mit dem Aufgebot, denke ich, da steht doch der Beamte auf, der memur, schüttelt uns feierlich die Hand und hält eine Ansprache. Ich verstehe nur ein Wort: evli." Helga lacht, doch ihr Lachen wirkt ein bisschen schief. "Wir sind bereits evli, verheiratet, Mustafa und ich. Ich als Braut in Schlabberhosen und Shirt, ohne Frisur ... Ich hatte mir meine türkische Hochzeit ganz anders vorgestellt! Na, wenn mein Kleid fertig ist, gehen Mustafa und ich mit ein paar Freunden aus. Kommst du mit?"