Ganz klar D-Dur, murmelt Papageno und legt den Kopf schräg, als lausche er andächtig einem von Amelies lieblichen Trillern. Doch die Callas seines Gartens ist an diesem lauschigen Sommerabend nicht in Stimmung für sanfte Serenaden, vom Kirschbaum herab versucht sie mit grässlich keckernden Lauten herumpirschende Katzen zu verscheuchen - von D-Dur keine Spur. Die Gäste zwinkern sich zu, ein Lächeln macht die Runde: Gastgeber Papageno, leidenschaftlicher Vogelfreund und Saxophonspieler in einer Amateur-Jazzband, im Alltag sachlicher Ingenieur und Träger des soliden Vornamens Kurt, ist mal wieder in seinem Element. Nahezu vernarrt ist er in die fliegende Diva Amelie, variiert ihre Triller auf seinem Instrument und behauptet, sie habe sogar das Rondo-Motiv von Beethovens Violinkonzert im Repertoire. Bekanntlich sei der Meister beim Komponieren von Amselgesang inspiriert worden. Ob Amelie das berühmte Dadi-Dadada irgendwo aufgeschnappt hat oder die Töne zu ihren Urlauten gehören, kann er allerdings nicht sagen.

In der schönen Jahreszeit lässt Papageno sich nur selten die frühmorgendlichen Konzerte der gefiederten Sänger seines Gartens entgehen, bei denen Amelie angeblich den Ton angibt. Mit Pfeiftönen imitiert er gern das allmähliche Einsetzen der verschiedenen Vogelstimmen und ihr Anschwellen zu einem vielstimmigen Chor. Von Papageno haben seine Freunde gelernt, schlaflose Morgenstunden zu genießen und selbst Langschläfer in der Runde stellen sich gelegentlich den Wecker, um sich die munteren Zwitscherkonzerte nicht entgehen zu lassen.

Papagenos blonde Ehefrau, Tochter eines dänischen Wagnerianers, der seine Kinder Siegmund, Siegfried und Sieglinde genannt hatte, schätzt vor allem Amelies Zutraulichkeit. Sigi, wie die grazile Musiklehrerin Sieglinde sich nennt, die mit ihren meergrünen Rätselaugen und dem langen Seidenhaar eher an Undine denken lässt als an eine Wagner-Heroine, erzählt gern, wie Amelie sie bei der Gartenarbeit begleitet. Selbst vom Brummen des Rasenmähers lasse sie sich nicht abschrecken. Auch die Gäste konnten die nahezu zahme Amsel schon öfter beim Baden in der Vogeltränke beobachten oder ihre kaltblütige Reaktion auf sich nähernde Schritte bestaunen: Während ihre Artgenossen aufgeregt davonflattern, stochert Amelie seelenruhig weiter in Blumenkästen und Beeten und herum.

An diesem Sommerabend sitzen die Freunde in fröhlicher Runde auf der Wiese hinterm Haus bei kühlem Pils, frischem Grauem Burgunder und spritzigem Sprudel. Man genießt leichte Kost. Jeder hat eine Leckerei mitgebracht zur Entlastung der Gastgeber – eine bewährte Sitte in diesem Kreis. Vielstimmig lobt man den Sommer, der es in diesem Jahr so gut meint mit der Region, und bedauert weniger glückliche Landsleute im kühlen Norden oder in Süddeutschlands verregneten Landstrichen. Lacht hier im Südwesten die Sonne nicht öfter als im letzten Jahr? Viele Tage sind tropisch heiß, die langen Abende mild, die Nächte hier auf dem Lande sanft und verlockend mit Sternengefunkel, Grillengezirp und betörendem Duft von Lavendel, Rosmarin und Thymian. Kurzer heftiger Regen lässt die Natur immer wieder aufatmen, füllt Wassertonnen, spült den Staub weg. Kinderlachen, Vogelgezwitscher, Grillengezirp, das Summen von Bienen und Hummeln schaffen sommerliche Begleitmusik.

Susanne, Bewohnerin des linken Nachbarhauses und für ihren Realitätssinn berüchtigt, unterbricht die allgemeine Schwärmerei: Ihr Romantiker! Meine Wassertonnen sind längst leer, mein Rasen ist verdorrt. Und vergesst nicht den Lärm im Sommer: das Gebrumm der Mäher und Häcksler, kreischende Kreissägen, Bohrgeräusche und Gehämmer daueraktiver Heimwerker, vor allem aber das ohrenbetäubende Getöse der Flieger, die immer öfter sogar nachts über unsere Dächer dröhnen.

Recht hat Susanne. Aber heute Abend ist es still, nur Amelie nervt ein bisschen. Fast zehn und noch immer taghell, immer noch so warm ... Die Unterhaltung plätschert sanft dahin wie der kleine Wasserfall im Gartenteich. Phantasie blüht mit den Rosen um die Wette und die weinseligen Schwärmer in der Runde gewinnen wieder die Oberhand: Ist dieser Garten, der sein südländisches Flair der fleißigen Sigi verdankt, mit seinen Blumen in allen Farben, den Lavendelsträuchern, prächtigen Oleanderbüschen und einem reichlich tragenden Feigenbaum nicht ein Paradies?

Und der Gartenteich ersetzt uns das Meer, lacht Kurt-Papageno, der das Gewässer im Frühjahr erweitert und das Wasserspiel installiert hatte, um die Sehnsucht seiner Frau nach dem Rauschen der Ostsee zu mildern. Die Gäste können sich abkühlen, die Beine im Teich baumeln lassen oder auch eintauchen, wenn sie nur die Seerosen verschonen. Alle sind vergnügt, auch Sigi lächelt, doch schweift ihr Blick immer wieder leicht wehmütig in die Ferne. Ihr Verlangen nach Kühle und dem Wogen des Meeres kann der hübsche Teich nicht dämpfen – vielleicht schlummern tatsächlich Nixengene in ihr.

Am Nachmittag hatte Papageno die kleine Runde zusammengetrommelt und eine nahezu tropische Sommernacht angekündigt, viel zu schade zum Verschlafen! Begeistert sagten seine Freunde zu, der Gedanke, eine drückend heiße Woche im Garten von Sigi und Papageno zu beschließen, war sehr verlockend. Einige der Gäste sind direkte Nachbarn – wie Susanne –, andere wohnen in der Nähe oder ein paar Straßen weiter, sind sozusagen Nachbarn zweiten oder dritten Grades. Ein Paar aus dem Nachbarort wird noch erwartet. Niemand braucht heute zu zählen, wie oft er sein Glas füllt, alle können irgendwann entspannt im Morgengrauen nach Hause spazieren.

Einige Flaschen sind bereits geleert. Susannes Versuche, ernste Seiten des Lebens anzusprechen, scheitern. Katastrophen, Parteiengezänk, internationale Finanzkrisen oder Bestechungsskandale, selbst die heftig steigenden Preise sind heute tabu. Man verharrt eine Weile bei Kultur, Sport, Familiennachrichten, spinnt ein bisschen Gärtnerlatein. Nach und nach werden die Freunde lebhafter, lockerer, landen bei Klatsch und Tratsch und erzählen sich schließlich prustend zündende Anekdoten ... und ein paar Zoten. Nur Papageno ist ungewöhnlich wortkarg, immer wieder legt er seinen Kopf lauschend zur Seite: D-Dur, hört ihr es nicht?, ruft er schließlich in die Runde. Verwundert schaut man sich an, die schimpfende Amelie ist doch längst verstummt. Aber sind da nicht Töne zu hören, die tatsächlich ein wenig an das Jubilieren einer Amsel erinnern? Wie klingende Nachtfalter flattern sie heran: weibliche Lachsalven. Die Dame lacht in D-Dur, behauptet Papageno und Sigi fügt lächelnd hinzu: Die Lenz ist da! Lenz? Wir haben Sommer!, kommt sofort Protest. Und wieso DIE Lenz – zwei Fehler in einem Satz, Frau Lehrerin? Naja, Sigi ist Dänin. Doch da hebt Christian, ein anderer Nachbar ersten Grades, sein Glas und wiederholt: Endlich, wie schön, die Lenz ist da!

Papageno öffnet eine neue Flasche Wein und erklärt lachend, sie hätten eine unbekannte Nachbarin, die mit ihrem perlenden Lachen in jedem Jahr sozusagen den Frühling einläute, „die Lenz“ genannt. Seine Töchter seien mit Christians Söhnen vor längerer Zeit der Sache nachgegangen und hätten eine Dame im Verdacht, die den Winter irgendwo im Süden verbringe und nur im Frühling und Sommer zu Hause sei. Jedes Jahr, sobald die riesige Zierkirsche in ihrem Garten in voller Blüte stehe, höre man dieses ansteckende melodische Lachen. Doch in diesem Jahr sei es bisher ausgeblieben und erst heute Abend hätten sie ihren Kalauer „die Lenz ist da“ loswerden können. Niemand hier habe die Dame jemals gesehen. Ihr Anwesen liege an der Parallelstraße, deren Grundstücke mit dem Rücken an die Nachbargärten grenzten.

Das Geisterhaus! Plötzlich reden die Gäste durcheinander, allen ist dieses Gebäude mit dem unleserlichen Namensschild und dem rissigen, staubigen Putz, das sich so sehr von seinen gepflegten Nachbarn unterscheidet, schon aufgefallen. Einige Gäste wissen mehr: Hinter den vergitterten Fenstern bleiben die Rollläden von Oktober bis April geschlossen. Im Sommer verwehren dichte Gardinen – seit zwanzig Jahren dieselben – den Einblick. Der Garten: eine Ödnis mit magerem Rasen, fünf Rosenstöcken und einem einzigen Baum. Das Ganze erinnere an eins der selten bewohnten Ferienhäuser in südlichen Ländern, sagt Susanne und behauptet, ein dunkelhaariger junger Mann, vermutlich Spanier oder Grieche, vielleicht auch Italiener, kümmere sich von Zeit zu Zeit um das Grundstück, reche im Spätherbst das Laub des großen Baumes zusammen, mähe noch einmal den mageren Rasen und erledige den wegen des Klimawandels nur noch selten erforderlichen Winterdienst. Einer der Gäste hat gehört, dass die Eigentümer des Geisterhauses den Sommer auf Mallorca verbringen. Nein, auf Ibiza, protestiert Susanne. Auf Malta oder Rhodos, vermutet eine Nachbarin zweiten Grades. Unsinn, Kreta!, ihr Ehemann duldet keinen Widerspruch. Naja, auf irgendeiner Insel im Mittelmeer, beschwichtigt Sigi.

Urlaubserinnerungen werden wach. Jetzt im Süden sein ... Sigi wischt sich kopfschüttelnd über die Stirn. Dort ist es noch heißer als hier. Sie sehnt sich nach der Ostsee, nach kühlen Nächten, und wäre jetzt gern daheim auf Bornholm. Namen weiterer Trauminseln im Mittelmeer schwirren durch die Nacht: Kreta, Lesbos, Chios, Naxos, Krk, Syros und Ithaka ... Katja und Werner aus dem Nachbarort, die endlich mit dem Nachtisch, einer großen Schüssel Roter Grütze, angekommen sind, fragen verwundert: Ein neues Ratespiel? Und ergänzen lachend: Zypern, Elba, Korsika, Capri, Korfu ... Ausgerechnet Katja, Nachbarin vierten Grades, weiß die Lösung des Rätsels um „die Lenz“, kennt sogar ihren richtigen Namen. Ihr Wissen verdankt Katja ihrer lokalen Nachrichtenbörse, dem Gesangsverein. Über Jahre hinweg habe die Eigentümerin des Geisterhauses Herbst und Winter mit ihrem invaliden Ehemann in einer Ferienwohnung im Süden der Türkei verbracht. Im Frühling, wenn es für den Kranken dort zu heiß wurde, sei das Ehepaar nach Hause gekommen. Doch den letzten Winter im Süden habe der Ehemann nicht überlebt, seine Witwe sei erst seit ein paar Tagen aus der Türkei zurück.

Türkei! Ein neues Stichwort. Fast jeder war schon dort oder würde gern mal hinfliegen. Und dort dem trüben deutschen Winter entgehen ... Ein Traum! „Frau Lenz“ sei zu beneiden, die traurigen Umstände allerdings ... Für mitfühlende Worte bleibt keine Zeit. Ein heftiger Windstoß fegt über den Tisch. Windlichter flackern panisch. Die Gäste springen auf, ergreifen Flaschen, Gläser, Schüsseln, Kissen. Rettet die Rote Grütze!, ruft Christian und stolpert über den zum Haus flitzenden Kater Obelix. Wo sind die funkelnden Sterne geblieben? Eine dicke schwarzgraue Wolke hängt am Himmel, der Garten wird von himmlischen Blitzlichtern in schneller Folge gespenstisch erleuchtet. Zu tief grollenden Donnerschlägen tönen ängstliche Schreie: Ein Gewitter! So nah! War es nicht erst für Montag angekündigt? Doch seit wann hält sich das Wetter an Vorhersa... Schon platscht es los, die schwarze Wolke entlädt sich schnell, schonungslos. Sturzbäche strömen vom Dach herab. Was für ein Schauspiel!

Nach zwanzig Minuten ist alles vorbei. Aah, eine Wohltat, wie frisch die Luft jetzt ist. Susanne kommt hoch zufrieden von einer Kontrolle ihrer Regentonnen zurück. Papageno bringt Tücher, Tisch und Bänke werden auf die Terrasse getragen und trocken gerieben, frische Gläser gefüllt und die Rote Grütze serviert. Aus dem dunklen Teil des Gartens nähert sich langsam eine schmale Gestalt mit weit ausgebreiteten Armen: Sigi – von Kopf bis Fuß klatschnass, das hellgrüne Kleid klebt an ihrem schlanken Körper. Ihre Haare triefen, die Augen leuchten, ihre Lippen öffnen sich zu einem wohligen Seufzer. Den lille Havfrue, die Kleine Meerjungfrau, sagt Papageno liebevoll und legt ihr ein großes Tuch um die Schultern. Sigi wirft das Tuch ins Gras, umarmt ihren Mann und läuft dann lachend ins Haus, einen feuchten Abdruck auf Papagenos Hemd hinterlassend. Sie war die ganze Zeit draußen, was für ein Leichtsinn bei Gewitter!, ruft Susanne.

Wenige Minuten später dürfen Katja und Werner sich Lobeshymnen anhören: Die rote Grütze aus süßen und sauren Kirschen, schwarzen und roten Beeren, garniert mit sahniger Vanillesoße, ist ein wahrer Sommernachtstraum. Katja nickt zufrieden. Was sie noch sagen wollte: Auf seine Lachtaube Lenz muss Papageno demnächst verzichten. Die Dame will den Sommer in Zukunft bei ihrem Sohn in Bayern verbringen. Ihre Tochter wird mit ihrer Familie in das Geisterhaus einziehen. Mit ihrem türkischen Ehemann hat sie sich bisher im Herbst und Winter um das Anwesen, im Frühling und Sommer auch um die Eltern gekümmert – und die Mutter zum Lachen gebracht. Das junge Paar soll übrigens das dritte Kind erwarten. Papageno, der seine leichtsinnige Meerjungfrau wieder in den Armen hält, schmunzelt: Da wird in Zukunft wohl noch mehr Gelächter herüberschallen. Sigi, die ihm seinen Spitznamen verpasst hat wegen seiner Leidenschaft für seine „Zauberflöte“ Saxophon und die Vogelwelt, die trotz ihres Nixenwesens eine zärtliche Papagena ist, gibt ihrem Liebsten einen Kuss auf die Nasenspitze und fügt schelmisch lächelnd hinzu: Gelächter in allen Tonarten.