November in Deutschland. Kahle, knorzige Rebstöcke gemahnen im fahlen Licht der von Dunstschleiern verhangenen Sonne an bevorstehende Totengedenktage. Wolken jagen am Himmel, kurze eisige Schneeschauer nehmen uns immer wieder die Sicht. Jetzt hätte ich gern einen Glühwein, seufzt meine sonst so wind-und-wetterfeste Wanderfreundin Wera, sogar ihr wolliger Vierbeiner Vulcano, dessen Temperament sich bei knackigen Kältegraden erst voll entfaltet, wedelt Zustimmung. Hat er vergessen, dass wir nur ihm zuliebe bei diesem Wetter unterwegs sind?

Glühwein, das wär’s. Doch wo ihn finden mitten in den Weinbergen, an einem schlichten Wochentag? Unsere sommerlichen Ausflugsziele halten Winterschlaf. Auf dem Wegweiser zum Gasthaus „Zur schönen Aussicht“ liegt eine Schneehaube.

Halt!, ruft Wera und deutet auf ein Schild mit fast verwischter Schrift: „Aperto – offen“, entziffern wir ungläubig. Noch immer fassungslos, sitzen wir wenige Minuten später an einem weiß gedeckten Tisch, genießen Wärme, das Licht von Kerzen, bewundern durch‘s Panoramafenster den Tanz der Schneeflocken. Mit einer eleganten Verbeugung überreicht der dunkelhaarige Wirt uns, den einzigen Gästen, die Speisekarte. „Bella vista“ prangt darauf in goldenen Lettern.

Bella Vista, schöne Aussicht - das Lokal hat Namen und Besitzer gewechselt. Wera, die alles Italienische liebt, die zweimal im Jahr die Alpen in Richtung Süden durchquert, strahlt den Wirt an, als er uns die Spezialität des Hauses auf einer riesigen Platte präsentiert: frische Fische - großmäulig dicke, runde und flache - glänzen silbrig zwischen glitzernden Eisbrocken. Die ganze Auswahl nur für uns? Der Wirt schüttelt den markanten Kopf, seine von beneidenswert dichten Wimpern bekränzten schwarzen Augen funkeln vergnügt. Dreimal in der Woche bekomme er frische Mittelmeerfische geliefert, jeden Abend sei sein Lokal voll.

Buon appetito ... Grazie! Ein Italiener, flüstert Wera träumerisch. Später macht sie mit der Würde der Älteren dem deutlich jüngeren Wirt Komplimente: Was für ein unerwarteter Genuss, so delikate Speisen und einen so erlesenen italienischen Wein serviert zu bekommen, italienische Laute aus einem Mund mit so schönen italienischen Zähnen zu hören – mitten in der Woche an einem tristen deutschen Novembertag.

Der Wirt stutzt, dann lacht er laut auf: Italienische Zähne? Meine Zähne sind aus Istanbul!

Aus Istanbul? Jetzt werde ich munter. Der Wirt lacht noch immer, als er mit einer Flasche und drei frischen Gläsern wiederkommt und sich zu uns setzt. Im golden funkelnden Wein vom Rhein finden wir sie wieder – die Sonne des Sommers. Seine wunderbar weißen, so natürlich wirkenden Zähne stammen tatsächlich aus Istanbul, sagt unser Wirt freimütig und entblößt gut gelaunt das Meisterwerk türkischer Dentisten. Sie hätten nur ein Bruchteil von dem gekostet, was der deutsche Zahnarzt veranschlagt hatte.

Und die Kosten für den Flug, das Hotel, die Wartezeit, die Sprachprobleme?

Wieder das hinreißende italienische Lachen. Der türkische Zahnarzt arbeitet schnell, sagt unser Wirt. In Istanbul wohne er bei Freunden. Und Türkisch spreche er auch.

Ein Italiener in der Türkei - wir kommen aus dem Staunen nicht heraus. Der Wirt füllt die Gläser aufs Neue. Als sie leer sind, kennen wir seine Geschichte, zählen zu seinen Freunden und haben eine Einladung zu einem „Karneval der Nationen“ in acht Wochen in der Tasche.

Ein Mann zum Träumen, sagt Wera auf dem Heimweg und fängt lächelnd Schneeflocken mit ihren frisch geschminkten Lippen. Wieder wedelt Vulcano Zustimmung, er genießt noch immer den Fischgeschmack auf seiner Zunge. Ich nicke. Wann begegnet man schon einem so interessanten Mann, Sohn eines Türken und einer Italienerin, in Frankreich geboren, den ein italienischer Onkel nach Deutschland geholt und zum Meisterkoch und Kenner nicht nur italienischer oder deutscher Weine ausgebildet hat. Ein Mann, der Wera von Rom und mich von Istanbul hatte träumen lassen, ein Mann, der auch unsere Freundinnen Nancy und Yvonne bezaubern würde. Denn Englisch und Französisch kann er auch.